Populäre Irrtümer (I) – Pflanzen, Wasser, Sonnenschein


Immer wieder liest man es, immer wieder wird es geraten und verbreitet, vom Nachbarn, unter Freunden, von selbsternannten Experten. Populäre Irrtümer und ihre modernen Ableger, die Urban Legends, halten sich oft hartnäckig. Wer hat nicht von seinen Eltern zu hören bekommen, Vogelbeeren seien giftig und Pflanzen dürfe man nicht im vollen Sonnenschein gießen? Und so bereitet mir die Lektüre der „Stimmt´s?“-Kolumne in der ZEIT ein wöchentliches Vergnügen. Da Deutschlands beste Qualitätszeitung allerdings nur ganze 2,5% der deutschen Bevölkerung erreicht und es auch anderen Quellen bisher schwer fällt, die ganze Menschheit aufzuklären, gibt´s nun hier eine wöchentliche Reihe zu populären Irrtümern.

Beschäftigen wir uns heute also direkt einmal mit dem oben genannten Mythos des Sprengens (mit Wasser, TNT kann dem britischen Rasen tatsächlich gefährlich werden).  Dieses schädige angeblich die Pflanzen, wenn es zur Zeit einer starken Sonneneinstrahlung stattfindet, also z.B. an Sommermittagen. Als Grund wird der sog. „Brennglaseffekt“ angegeben. Die

Verbrennen angeblich Blätter: Wassertropfen im Sonnenschein

Verbrennen angeblich Blätter: Wassertropfen im Sonnenschein

Wassertropfen auf den Blättern fokussierten angeblich das einfallende Licht, sodass es die Blätter schädigt, im schlimmsten Falle sogar entzündet.

Dass dies nicht stimmen kann, erläutert Christoph Drösser in der ZEIT vom 30.07.2009. Nur ein perfekter Tropfen von der Form einer Halbkugel kann tatsächlich Strahlen bündeln und diese auf die Oberfläche des Blattes lenken. Diese gebündelten Strahlen können auf der Oberfläche natürlich extreme Temperaturen erzeugen (Herr im Himmel, nimm die von mir verkokelten Ameisen in dein Reich auf und vergib mir meine Schuld), allerdings an der Luft. Im konkreten Falle liegt der Fokuspunkt allerdings im vom Wasser des Tropfen bedeckten Bereich der Blattoberfläche, das Wasser kühlt also das Blatt. Die Wärme wird an die Flüssigkeit abgegeben und diese verdunstet (was sie bei den gegebenen sommerlichen Temperaturen auch ohne Brennglaseffekt täte). Solange noch Wasser vorhanden ist, kühlt es das Blatt, ist es weg, kann es auch keine Sonnenstrahlen mehr bündeln.

Einen weiteren Effekt lässt die Kolumne allerdings aus: den der Spaltöffnungen (Stomata). Diese kontrollieren den Gasaustausch der Pflanze. In Internetforen wird oft behauptet, zum Schutz vor zu starker Verdunstung und einer daraus resultierenden Austrocknung würden die Pflanzen ihre Spaltöffnungen bei starker Sonneneinstrahlung schließen. Ein Gießen der Pflanze im Sonnenschein führte folglich dazu, dass diese an eine Regensituation mit Wolken „dächte“ und ihre Stomata wieder öffnete, was aufgrund der Hitze fatale Folgen durch zu starke Verdunstung hätte. Dass die durch das Gießen zugeführte Wassermenge dieses wieder ausgliche, wird nicht bedacht und ohnehin behauptet Wikipedia da etwas ganz anderes:

Solange Sonne auf die Schließzelle scheint, wird durch diese Reaktionen das Stoma offengehalten, je stärker die Sonne, desto praller sind die Schließzellen und umso weiter ist die Spaltöffnung geöffnet. Lässt die Lichtintensität nach, so finden alle Reaktionen nicht mehr in vollem Umfang statt, der osmotische Wert der Schließzellen nimmt ab und sie werden schlaff – die Stomata schließen sich.

In dem Falle, dass betreffende Personen Recht hätten und starke Sonneneinstrahlung die Stomata schließen würde, griffe wohl dieser Mechanismus:

Nimmt stattdessen die Wasserzufuhr der Pflanze ab, verringert sich insgesamt der osmotische Druck der Pflanzenzellen, weniger Wasser diffundiert in die Schließzellen und die Stomata schließen sich ebenfalls. Durch die Verengung der Stomata transpiriert die Pflanze weniger, sie trocknet langsamer aus.

Die Pflanze hat also tatsächlich einen Mechanismus, der sie vor Austrocknung schützt, aber dieser wird durch die Wasserzufuhr geregelt. Entgegen der herrschenden Meinung verbrennen Pflanzen also nicht, wenn sie in der prallen Sonne gegossen werden.

P.S. Eine Ausnahme gibt es: bei Farnen, die mit langen Härchen versehen sind, können Wassertropfen sich an selbigen ablagern und tatsächlich Lichtstrahlen auf die entfernte Blattoberfläche fokussieren. Da diese auch nicht durch die Flüssigkeit des Tropfens gekühlt wird, kann es in diesem Falle zu Verbrennungen kommen.

In der nächsten Folge geht´s dann um die bei Profikillern und Actionregisseuren beliebten Schalldämpfer.

Quellen: ZEIT Online und die allseits beliebte Wikipedia

Foto: Heinrich Lange/ Pixelio

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