Eurovision Flashmob 2010


Der Höhepunkt des diesjährigen Eurovision Song Contest (früher Grandprix) war eindeutig der von Madcon performte Song Glow. Nicht so sehr wegen  des Songs selbst, der passte zwar perfekt zur Performance, war aber ansonsten eher mittelmäßig. Das Tolle daran waren die europaweit inszenierten Flashmobs. Tausende tanzten in den Straßen (in Hamburg sogar Zehntausende) und das sah dann doch ziemlich genial aus. Höhepunkt im Höhepunkt: der Herr in der Nordsee.

Also: Maximale Qualität, Vollbild und anschauen:

Eurovision Song Contest 2010 – Wie immer sinnlos, aber lustig


Es war wieder so weit – der größte und gleichzeitig qualitativ schlechteste internationale Musikwettbewerb hat 125 Millionen Zuschauern Musiker vor Augen geführt, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. Und doch lief es dieses Mal irgendwie anders. Hatte man bisher eigentlich nur aufgrund des Fremdschäm- („Guckste mal Heinrich, da singt jemand noch schlechter als du!“) und Belustigungsfaktors eingeschaltet, so bestanden dieses Jahr tatsächlich Chancen für einen deutschen Sieg. Auch wenn die Kandidatin tanzt wie ein betrunkener Schimpanse und den Ruf des British English beinahe ruinierte, gewann diesmal ein qualitativ hochwertiger Beitrag. Irgendwie war es doch toll: ich war stolz auf die deutschen Massen bei der interaktiven Musiknummer, habe mir beim Anblick des serbischen Hermaphroditen fast in die Hose geschifft und dachte bei seinem Gesang an ein Dr. Cox Zitat („Oh Gott! Ich muss mich zur gleichen Zeit übergeben, und weinen. Ich … muss mich überweinen!„), fand das Zusammenspiel zwischen Lena und ihren Backgroundsängerinnen miserabel und amüsierte mich über die regelmäßigen Meldungen meines Vaters (Kommentar beim serbischen Auftritt: „Warum fängt der an zu wiehern?!„).

Operation dringendst empfohlen: Milan Stanković

Operation dringendst empfohlen: Milan Stanković

Wie immer tauschten die Osteuropäer ihre Stimmen untereinander, wie mein Bruder seine Panini-Bilder, in Nordeuropa tat man es ihnen gleich. Bis auf wenige Ausnahmen hatte allerdings jeder noch etwas für Deutschland übrig. Okay, „etwas“ ist vielleicht ein bisschen untertrieben. Russlands grandiose Publicity konnte den eigenen Beitrag nicht über die 100 Punkte Marke hieven: Die Invasion in Georgien beeindruckte die Bürger des Landes ebensowenig, wie die Drohung an sämtliche Nachbarn, bei einem schlechten Abschneiden die Gaslieferungen einzustellen. Griechenland erwies sich als ziemlich undankbar und vergalt deutsche Milliarden mit mageren 2 Punkten. Polen hingegen zeigte sich über das Fluten westlicher Hochwassergebiete sehr erfreut, nahm die subtil plazierten Panzerbrigaden an der brandenburgischen Grenze zur Kenntnis und revanchierte sich mit grandiosen 7 Punkten. Weißrussland, Europas letzte echte Diktatur, setzte die Annäherung an Mütterchen Russland fort, Israel zeigte sich von deutschen Bestechungsversuchen in Form vergünstigter U-Boote jedoch unbeeindruckt und setzt das seit 65 Jahren anhaltende Dauerschmollen fort. England schließlich rächte sich für die deutsche Schmutzkampagne gegen die nobelste Sprache der Welt, das britische (!) Englisch („kAnt“, nicht „kännt“!), und gönnte der neunzehnjährigen Hannoveranerin mit dem Akzent eines Bauern aus dem australischen Outback nur 4 Punkte.

Nun freuen wir uns also auf die morgige BILD („Wir sind Eurovision Song Contest!“), beobachten die ausländischen Charts und erwarten den grandiosen Empfang in Hannover. Das einzige, was Lena nun noch fehlt, ist die erste Biographie. Wird aber auch Zeit, sie ist ja schon 19!

Foto: Wikipedia

Gebt uns die PDAs zurück!


Smartphones, iPad, Netbooks: auf dem Weg zur eierlegenden Wollmilchsau werden Handys größer und Notebooks kleiner. Kompakt und handlich soll es sein, aber natürlich mit großem Bildschirm, ein leichtgängiger, unzerstörbarer  Touchscreen muss enthalten sein (am besten unterwasserfähig bis 200 Meter), USB, UMTS, WLAN, HDMI, und SDHC. Grundvoraussetzung sind außerdem eine revolutionäre Bedienung und ein atemberaubendes Design. Belanglos scheint nur der Preis zu sein, was man am iPad sieht.

Klassische PDAs sind mittlerweile zu echten Raritäten geworden. Palm zum Beispiel baut nur noch Smartphones, und das finde ich DOOF! Mein TX gibt so langsam den Geist auf: ausschalten tut er sich nur noch von alleine, weil der An/Aus-Knopf kaputt ist, und das Display produziert ein relativ hochfrequentes Fiepen, das für einen jungen Menschen wie mich noch deutlich hörbar ist. Und dabei liebe ich das Gerät! Keine sinnlose Tastatur beschneidet das Display, ich habe Kalender, Office-Programme, Navigation, mp3- und Videospieler, Schiffe-Versenken und Schach, eBook-Reader, ICQ, Webbrowser,

Palm TX (von 2005)

Palm TX (von 2005)

Emailklient, berliner U-Bahnplan und Wikipedia (offline) in einem. Ich kann mir jederzeit passende Programme herunterladen, ohne dass eine Firma mir vorschreibt, aus welchen ich wählen darf. Ich kann den Speicherplatz mit günstigen SD-Karten erweitern, ohne 100€ für 16 zusätzliche Gigabyte blechen zu müssen. Auf nutzlose Animationen kann ich verzichten und das Allerwichtigste: ich will nicht telephonieren. Ich besitze kein Handy und brauche auch keines, man kann mich weder orten, noch nerven oder zuspammen.

Und Alternativen? iPad: zu groß. Ich brauche etwas für die Hosentasche. iPhone: man schreibt mir vor, welche Programme ich verwenden darf, es ist ein Telephon und es ist restlos überteuert. Andere Smartphones? Können telephonieren. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Telephone hätte, aber die ermöglichen es Leuten (fremden wie bekannten), mich zu nerven. Ich kann ihnen erzählen, ich hätte kein Handy, aber wenn sie dann zufällig mein Smartphone sähen, käme das einer groben Beleidigung gleich. Außerdem nimmt die Elektronik für ein Handymodul Platz weg, den man sinnvoller nutzen könnte. Die Hälfte der Smartphones besitzt störende Tastaturen und fällt damit auch aus (außerdem kein Touchscreen vorhanden).

Ein iPhone mit leicht größerem Bildschirm, SD(HC)-Kartenschlitz, freier Programmauswahl und ohne Telephonmodul wäre wahrscheinlich das, was ich suche, aber der Weltmarkt ist nunmal kein Wunschkonzert, und da sich außer mir scheinbar niemand mehr nach PDAs sehnt, muss ich mich wohl mit dem Siegeszug der Smartphones abfinden.

Foto: Stefano Palazzo

Das giftigste Tier der Welt … na welches denn nun?


Obwohl sie meistens auf weit entfernten Kontinenten zu finden sind haben vor allem wir Europäer gehörigen Respekt vor speienden Schlangen, gruseligen Spinnenwesen und meterlangen Quallen. Alleine auf die spezifische Suchanfrage „giftigstes Tier der Welt“ liefert Google ca. 10.600 Ergebnisse, auf Englisch („most poisonous animal“) sind es ganze 23,6 Millionen. Stöbert man in verschiedenen Foren, so findet man stets unterschiedliche Angaben, die von den Autoren auch sehr vehement vertreten werden („XYZ ist das giftigste Tier, habe ich letztens im ABC-Kanal gesehen/gehört!!!“) So eindeutig ist die Sachlage jedoch nicht.

Nach eingehender, aufopferungsvoller Lektüre verschiedener Foren, der Wikipedia und verschiedener Webseiten (weitere Mühen spare ich mir, obwohl ein Biologe oder Chemiker vl. mehr dazu sagen könnte) fällt auf, dass drei Namen immer wieder auftauchen (wenn man von nicht ernst zu nehmenden Beiträgen, in denen Vogelspinnen oder Kobras als giftigstes Tier deklariert werden, einmal absieht): Der südamerikanische Pfeilgiftfrosch, die

King of poison: Krustenanemone

King of poison: Krustenanemone

Würfelqualle(n) und die Krustenanemone. Oft wird behauptet, sie produzierten die giftigsten natürlichen Toxine … was erst einmal falsch ist.

Das giftigste natürliche Toxin wird von einem Bakterium namens Clostridium botulinum produziert. Bei Inhalation reichen bereits 3 Nanogramm pro kg Körpergewicht, um einen Menschen zu töten, intravenös ist es sogar nur 1 ng/kg. Damit ist das Botulinumtoxin – das Frauen sich in stark verdünnter Form als Botox vom Onkel Doktor gerne mal unter die Haut spritzen lassen, weil es die Nerven lähmt und somit Falten glättet – das stärkste bekannte Gift natürlicher Herkunft, das der Wissenschaft bis jetzt unters Mikroskop gekommen ist. Frage beantwortet? Mitnichten.  Clostridium botulinum ist ein Bakterium, und die gelten nicht als Tiere.

Also zurück zu Kugelfisch & Co. Die Frage, die sich aufdrängt, lautet: Wie misst man Giftigkeit? Zählt der prozentuale Anteil der am Stich/Biss verstorbenen Menschen oder sollte man alleine die biologische Wirkung betrachten? Was nützt einem Tier seine hochtoxische Substanz, wenn es diese nur in geringsten Mengen oder sogar gar nicht ausscheiden kann (Kugelfische, die Selbstmordattentäter unter den Tieren, müssen erst gefressen werden, um den Fressfeind zu vergiften).

Ein wichtiger Indikator zur Bestimmung der Wirksamkeit ist die letale Dosis. In umstrittenen Tierversuchen werden im Labor Mäuse vergiftet und dadurch die benötigte Menge des Toxins pro Kilogramm Körpergewicht ermittelt (g/kg). Der bekannteste Indikator ist die LD50 (steht für „letale Dosis“ und 50%). Sie gibt

Die Nummer 2: Pfeilgiftfrosch

Die Nummer 2: Pfeilgiftfrosch

an, welche Menge nötig ist, um 50% der getesteten Population zu töten. Weiterhin gibt es da noch die LD75 (tödliche Dosis), LD99 (sicher tödliche Dosis) und LD100 (absolut tödliche Dosis).  Sinn machen die letzten beiden Werte allerdings kaum, da ein einziges sehr widerstandsfähiges Versuchstier (oder ein besonders schlaffes Exemplar) die Reihe so verfälschen kann. Listen wir also die drei genannten Tierarten nach LD50 auf:

Seewespe: 0.04 mg/kg

Anemone: 0,00015 mg/kg

Frosch: 0,0002 mg/kg

Die Krustenanemone geht also in Führung, es folgen der flotte Hüpfer und die Seewespe. Richtet man sich nach der TU-Darmstadt (siehe Quelle), der ich mehr vertraue, als Internetforen-Disputanten, dann müsste das Ranking allerdings anders aussehen, nämlich so:

1. Krustenanemone (0,00015 mg/kg)
2. Pfeilgiftfrosch (0,0002 mg/kg)
3. Kugelfisch (0,008 mg/kg)
4. Blauring-Krake (0,02 mg/kg)
5. (Küsten-)Taipan (0,025 mg/kg)
6. Würfelqualle/ Seewespe (0.04 mg/kg)
7. Kegelschnecke (?)
8. Steinfisch (0,2 mg/kg)
9. gelber Mittelmeerskorpion (0,33 mg/kg)
10. Trichterspinne A. robustus (0,2 – 1,5 mg/kg)
Damit hätten wir das also geklärt. Das giftigste Tier der Welt ist … (tadaaa) … die Krustenanemone!

Wer nur die Giftigkeit alleine wissen wollte, kann hier seine Lektüre beenden. Allerdings ist ja auch die Gefährlichkeit für den Menschen interessant. Da kein halbwegs vernünftiger Mensch in einen lebendigen Kugelfisch beißt, der gerade so vorbeischwimmt, kann man ihn ruhig von der Liste streichen. Und schon wartet das nächste Problem: auch die LD50 unterliegt diversen Bedingungen. Geschieht die Exposition nur durch Berührung, subkutan oder sogar intravenös? Im letzten
Ganz weit vorne: Seewespe

Ganz weit vorne: Seewespe

Falle kann die Wirkung des Giftes um ein Vielfaches stärker sein. Die Nesseln der Würfelquallen können mehrere Meter lang werden und haften an menschlicher Haut, sind mechanisch und mit Wasser nicht zu entfernen und nur Essig hilft, aber wer nimmt den schon mit an den Strand?. Ein hoffnungslos verhedderter Mensch darf also tatsächlich alle Hoffnungen aufgeben, denn da kommt er bestimmt nicht lebend heraus. Beim Pfeilgiftfrosch reicht schon eine Berührung der Haut, über die dieser das Gift absondert, aus. Allerdings sind Pfeilgiftfrösche, aus denen die Amazonasindianer das Curare für ihre Blasrohre gewinnen (oder eher gewannen), in deutschen Terrarien völlig ungiftig. Das Toxin nehmen sie über die Nahrung auf, im brasilianischen Regenwald futtern sie haufenweise giftiges Getier und lagern dessen Gift ein. Keine Gifttierchen als Nahrung, kein Gift in der Haut.

An diesem Punkt werde ich meine Betrachtungen wohl oder übel beenden müssen. Ich habe nämlich keinen Schimmer, wie einige der anderen Tiere in dieser Liste ihr Gift abgeben, mir fehlen die Statistiken über Unfälle, Antisera, Eindringtiefe der Zähne/Stacheln/Sporen, Verbreitungsgeschwindigkeit der Toxine in Blut, Lymphe oder Interzellularraum etc. Wen das interessiert, der kann ja einfach mal eine Mail an einen Experten schicken oder sich an der nächsten Uni mit zoologischem oder biochemischem Institut informieren. Fragen kostet nichts.

Eine andere spannende Frage ist, welches das giftigste Tier Deutschlands ist. Generell kann man sagen, dass in unseren Breiten sehr viele Gifttiere vorkommen, die aber nur anderen Tieren gefährlich werden können und deren Gift für den Menschen nicht nur vollkommen ungefährlich ist, sondern teilweise auch gar nicht bemerkt wird. Nur zwei Spinnenarten können die menschliche Haut überhaupt durchdringen, die Wasserspinne (Argyroneta aquatica, keine Ahnung wie giftig die ist, aber da sie als einzige Spinne rund um die Uhr unter Wasser lebt, sollte das Risiko gebissen zu werden recht überschaubar sein) und der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium). Dessen Biss wird im allgemeinen als einem Wespenstich ähnlich empfunden, kann aber in seltenen Fällen stärkere Auswirkungen haben. Auch der Biss der Kreuzspinne ist für den Menschen spürbar, erreicht aber maximal die „Stärke“ eines Bienenstichs.

Weltmeister im Giften, aber leider kein Tier: Clostridium botulinum

Weltmeister im Giften, aber leider kein Tier: Clostridium botulinum

Nun zu den Schlangen. Zu nennen wären da die allseits bekannte Kreuzotter (Vipera berus) und die Aspisviper (Vipera aspis). Der LD50-Wert einer Kreuzotter liegt subkutan bei 6,45 mg/kg, intravenös sind es 0,55 mg/kg. In jedem Falle wären die Bisse von mindestens 5 Kreuzottern nötig, um einen 75 kg schweren Menschen zu töten. Was nicht heißen soll, dass der Biss einer Kreuzotter nicht schmerzhaft und für Kinder und alte Menschen tatsächlich gefährlich wäre. Sollten Sie also bemerken, wie eine ca. 80 cm lange Schlange sich der Wiege Ihres Sprösslings nähert, dann bedenken Sie: der Name Ihres Kindes ist nicht Herakles (der erwürgte als Kleinkind zwei Riesenschlangen, die die eifersüchtige Hera nach ihm aussandte), also greifen Sie wahlweise zum Baseballschläger oder rufen das Panzerbataillon Ihres Vertrauens.

Nun also zur Aspisviper (Vipera aspis). Diese kommt in Deutschland nur in einem etwa 40 Quadratkilometer großen Areal im südöstlichen Schwarzwald vor, ihr Gift ist außerdem schwächer als das der Kreuzotter (intravenös nur halb so stark) und in geringeren Mengen vorhanden. Allerdings variiert die Toxizität des Giftes geographisch, die schweizer Population ist am giftigsten. Die LD50 Werte sind 1 mg/kg intravenös, 1 bis 2 mg/kg subkutan und 4,7 mg/kg intramuskulär.

Fotos: Ron Chumley, Peter Voeth, Wikipedia, Center for Disease Control and Prevention

Quellen: TU-Darmstadt, Wikipedia

P.S. Da mein PC (oder WordPress, oder das Internet, wer weiß das schon) mal wieder elendig lange fürs Publizieren brauchte und zwischendurch abschmierte, hatte ich keine Muße mehr fürs Fehlerlesen. Bitte reumütigst um Verzeihung für eventuelle orthographische Eskapaden.

P.P.S. Ich habe keine Ahnung, warum WordPress den Beitrag durch komische Wechsel der Schriftart verunstaltet – im Editor sah das alles noch gut aus.

P.P.P.S. Über drei Jahre nach Veröffentlichung dieses Artikels hat der Autor mittlerweile eine Zeit lang auf dem afrikanischen Kontinent gelebt, wurde dort von afrikanischen Hornissen gestochen, ist fast auf einer meterlangen Giftschlange ausgerutscht und studiert nun in Australien, wo ein Großteil der giftigsten Tiere des Planeten kreuchen und fleuchen. No risk, no fun, was?

Populäre Irrtümer (III) – Erkältung durch Kälte?


Da sitzt sie und meckert. „Macht doch endlich mal das Fenster zu, es ist arschkalt. Muss ich mich erst erkälten?!“ Klar ist ihr kalt, es ist Anfang Januar und Mrs. „Für-mich-ist-immer-Sommer“ sitzt in kurzärmeliger Seidenbluse im Unterricht.  Okay, dass ihr kalt ist interessiert mich nicht die Bohne (zieh dich doch vernünftig an!), aber wird sie sich vielleicht doch noch erkälten? Die ebenso klare wie simple Antwort lautet ‚eher nicht‘. Denn die Temperatur hat so gut wie nichts mir grippalen Infekten zu tun, von denen hier die Rede ist.

Ein grippaler Infekt (der von einer wirklichen Influenza unterschieden werden muss) wird durch Viren ausgelöst, teilweise von Bakterien begünstigt. Wikipedia geht von 40 % Rhinoviren, 10–15 % RSV und 10–25 % Coronaviren aus. Diese werden durch die gute alte Tröpfeninfektion übertragen, soll heißen: Niesen, Husten, Spucken, nasse Aussprache etc. Preisfrage: Wo ist man dem am ehesten ausgesetzt? Richtig, in überfüllten Räumen. Da die Viren auch außerhalb des Wirtes einige Zeit in der Luft überleben können ist regelmäßiges Stoßlüften eminent wichtig. Auch kontaminierte

Schert sich einen feuchten Kehricht ums Thermometer: böser Virus

Schert sich einen feuchten Kehricht ums Thermometer: böser Virus

Gegenstände, benutzte Taschentücher, Türklinken etc. können mit Viren behaftet sein. Man drückt eine Türklinke, fährt sich kurz durchs Gesicht (Nase juckt) und schon hat man die Viren an den Schleimhäuten kleben. Sind die durch trockene Heizungsluft zusätzlich ausgetrocknet, hat der Virus beste Erfolgschancen.

Warum aber tritt der grippale Infekt besonders in der kalten Jahreszeit gehäuft auf? Ganz einfach, weil man sich im Winter oft in überfüllten (alle drinnen, keiner draußen), schlecht gelüfteten (kalt, Vorurteil wegen Erkältungen) Räumen aufhält. Diese sind das perfekte Milieu für Rhinoviren und ihre Artgenossen, hier fühlen sie sich wohl und können sich ungehindert ausbreiten (Gwaltney, 1995). Gleichzeitig zeigen die Viren in den winterlichen Monaten eine deutlich erhöhte saisonale Aktivität und neben der trockenen Heizungsluft trocknet auch die winterliche Kälte die Schleimhäute aus (Lowen et al, 2006). Dass Erkältungen im Regenwald der Amazonasregion genauso häufig auftreten wie in Kairo, Mumbai oder Sibirien, zeigt ebenfalls, dass Kälte nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Eine lange, intensive Kälteeinwirkung kann das Immunsystem schwächen (Johnson and Eccles, 2005). Dass es Menschen allerdings nicht krank macht, sieht man an den Inuit. Denen müsste dann theoretisch dauernd die Nase laufen … tut sie aber nicht. Kälte kann den Ausbruch der Krankheit nach der Infektion also nur begünstigen. Insgesamt kommen jedoch alle Untersuchungen zum Zusammenhang von Kälte und Infekten zu einem „kann“, „könnte“, „unter Umständen“ etc.

Deshalb: Offenes Fenster hat nicht nur keine negativen Auswirkungen auf das Immunsystem, es kann Erkältungen sogar verhindern. Ein kleiner Spaziergang auf Svalbard schützt den Virophoben besser vor Infekten, als Höchsttemperaturen im überfüllten Klassenzimmer.

P.S. Kiiinners, vor dem Essen Händewaschen nicht vergessen!!!

Foto: Pixelio